RDP oder ICA – Nur eine Glaubensfrage?

Seit der Einführung des ICA-Protokolls ist dieses eines der am häufigsten genannten Argumente pro Citrix. Klassische Adjektive, die in diesem Zusammenhang gerne genannt werden, sind: Schlank, schnell und effizient. Bei RDP hingegen gehen spontane Antworten eher in die Richtung langsam, träge, empfindlich (in Bezug auf Latenz etc.), großer Overhead usw.

Dabei stellt sich die Frage: Sind die genannten Argumente heute noch gerechtfertigt?

Um es vorweg zu nehmen: Eine allgemeingültige Empfehlung ist nicht möglich, dafür spielen lokale Gegebenheiten und spezifische Anforderungen im Einzelfall eine zu große Rolle. Dennoch stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, dass die o. g. Argumente größtenteils noch aus Zeiten stammen, in denen RDP 5.2 und Windows 2000 Terminal Server aktuell waren.

Sowohl ICA als auch RDP wurden in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Beide jedoch mit eher unterschiedlichen Strategien:

ICA und RDP: Die Strategien

ICA konnte mit SpeedScreen und ähnlichen Features (die heute quasi unter dem HDX-Mantel zusammengefasst sind) punkten und bedient damit Kunden, die Höchstanforderungen an das Protokoll stellen, weil die vorhandenen Leitungen extrem schmalbandig sind oder über äußerst hohe Latenzen verfügen. Ein weiter Grund dafür, dass die Terminal Services bei der Weiterentwicklung nur noch eine eher untergeordnete Rolle spielen, liegt auch in der Konzentration auf das aktuelle Hype-Thema VDI und dessen Ansprüche an ein Protokoll, die von denen der Terminal Services abweichen.

Microsoft hat hingegen sich in den letzten Releases darauf fokussiert, einerseits die Performance-Lücke zwischen RDP und ICA zu schließen und andererseits auch die Kunden zufriedenzustellen, die zwar hohe Ansprüche an das Protokoll haben (weil bspw. nur eine DSL- oder UMTS-Verbindung zum Client besteht), aber nicht zu den 2% der Anwender gehören, die noch mit GPRS bzw. 1-Kanal-ISDN arbeiten oder über den Terminalserver Videos o.ä. bereitstellen wollen.

Performance RDP
Die Entwicklungssprünge zwischen den einzelnen RDP-Versionen werden in folgendem Chart sichtbar:

Es wird deutlich, dass das RDP-Protokoll bei seiner Entwicklung von Version 5.2 über RDP 6 bzw. 6.1 zum aktuellen RDP 7 zu einem Produkt gereift ist, dass unter Performance-Gesichtspunkten nur noch wenig mit den ersten Releases gemein hat. Vergleicht man die einzelnen Werte, konnte Microsoft die Leistungsfähigkeit von RDP 5.2 zu RDP 7 um mehr als 100% steigern.

Betrachtet man die Entwicklung der von RDP und ICA im Vergleich, können die Vorteile von ICA gegenüber RDP nur noch im Einzelfall als entscheidendes Kaufkriterium dienen. Selbst die oftmals beschworene Performance-Überlegenheit bei hohen Latenzen ist heute mit RDP 7 in vielen Fällen kein KO-Kriterium mehr. Diverse Stellschrauben ermöglichen auch in diesem Fall ein produktives Arbeiten. Zusammengefasst rechtfertigt der Mehrwert, den ICA heute in ausgewählten Bereichen noch bietet, nur in den seltensten Fällen den deutlich höheren Anschaffungspreis, den eine entsprechende Installation in der Regel mit sich bringt.